Profil

Bara Lehmann-Schulz verwendet die Aura des be- und vernutzten Materials, um Geschichten aus längst vergessenen Zeiten zu erzählen. Gesammelt und teilweise selbst hergestellt werden die Rückstände von unterschiedlichsten Materialein wie Kaffee, Ziegelmehl, Tee, Grünspan, Rost, Asche. Als Bildträger dient eine Zellulosemasse, die durch den langen Prozeß des Trocknens in Sonne und Wind die verwendeten Materialien noch zusätzlich semantisieren (…)

In einer zweiten Werkreihe werden von Bara Lehmann-Schulz klassische objets trouvés auf die Zellulosemasse gedrückt. Hier kann man so exotische Fundstücke entdecken wie Seeigelstacheln, Bernsteinsplitter, rostige Schuheisen und Stoffreste von ihren eigenen früher getragenen Kleidern. In diesem Kontext sind folgende ineinanderwirkende Schichten der Bildherstellung zu nennen:
Der Bildträger wirkt als Rohstoff eigenmächtig am Bildgefüge mit. Dreidimensionale Gegenstände können ihm aufgesetzt werden.
Der Gerinnungsprozeß läßt Stauungen, Faltungen und Verwerfungen entstehen; im Zuge des Trocknens treten Risse, Sprünge und Abbröckelungen auf.
Die bildsame, amorphe Oberfläche der teigigen Substanzen wird zur Herstellung von Einprägungen genutzt.

Die einzelnen Momente stehen nicht in einem logisch eindeutigen Zusammenhang, sondern in einem faktischen Wirkungszusammenhang, d.h. sie stehen in einer ständigen Wechselwirkung, die für den hier gewählten offenen Prozeß typisch ist. Alle entstandenen Objekte haben einen mehr oder minder ausgeprägten narrativen Anteil, sind durch den historischen Prozeß und den daraus entstandenen inneren Erlebnissen geprägt und können als Symbol verstanden werden. Diese Schichten stehen in einem engen inneren Zusammenhang: die objets trouvés sind Darlegungen persönlicher Problematik, innerer Einstellungen oder Erlebnissen, sie bedienen sich des erzählenden Materials, bleiben aber nicht auf der Ebene des nur Erzählenden stehen, sondern verweisen den Betrachter auf allgemeinere, außerhalb des Werkes liegende aber doch mitverwirklichte Bedeutungen und lassen auf diese Weise unsere Kultur transparent werden. Die Werke sind demnach zugleich subjektiv und objektiv, armselig und ästhetisch, intuitiv und planmäßig. Anstatt Einzelnes als Kunst auszusondern, haben sie ein ganzes im Auge, das zum Nachvollziehen, womöglich zum Nachdenken auffordert. Dabei ist nicht nur der Text (der Inhalt), sondern auch die Anordnung (die Komposition) der „Fund-Sachen“ sprachlich bedeutend. Die Fund-Sachen enthalten sozusagen eine Bilderschrift, sie sprechen zum Auge und speichern Zeit. Ein Moment wird herausgehoben und kodifiziert. Seine Wahrnehmung ist auf den Gegenstand und die ihm nachspürende Person gerichtet. Letztlich sind diese Ruinen, Reste und Spuren ein Anlaß zur eigenen Positionsbestimmung.



Ausschnitte aus einem Text von Werner Marx, 2002
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